Mittwoch, 16. Januar 2019, 08:58 Uhr
Dokumente / Geschichte / Deutschland

Sütterlin – Die Schrift unserer Urgroßeltern

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Immer weniger Menschen können die alten deutschen Schriften lesen

Harkebrügger Mark Wer heute alte Dokumente, Briefe oder Bücher auf dem Dachboden findet, hat in der Regel ein Problem, sich des Inhalts zu bemächtigen. Nur noch die wenigsten können die alte deutsche Frakturschrift, die Kurrentschrift und die stilistisch dazwischenstehende Kanzleischrift noch lesen. Schuld daran waren die Nazis.




Großmutters Rezeptsammlung, die Liebesbriefe des Großvaters oder das Tagebuch eines im Krieg verschollenen Verwandten – wer in die Vergangenheit abtauchen oder in der deutschen Geschichte stöbern möchte, der wird irgendwann an einen Punkt gelangen, an dem er mit seinem Latein am Ende ist. Dann wird es nämlich deutsch, zumindest was das Schriftbild anbelangt, und das können heute nur noch die wenigsten von uns lesen.




Ornamentale Schnörkel und schwungvolle Bögen




Noch bis ins 18. Jahrhundert hinein galt das Schreiben fast mehr dem Zeichnen. Die Buchstaben hatten schwungvolle Bögen, ornamentale Schnörkel und spornartige Fortsätze. Zudem waren verschiedene Linien in ein und demselben Buchstaben unterschiedlich dick, was mit einer Gänsefeder relativ leicht von der Hand ging. Ende des 18. Jahrhunderts veränderte sich das Schriftbild mit der Einführung nach englischem Vorbild, wo bereits mit spitzen Stahlfedern geschrieben wurde. Ab 1856 wurde die Stahlfeder industriell in Deutschland hergestellt.




Bis 1934 herrschte Chaos auf deutschen Schreibtischen




Im Jahr 1911 entwickelte Ludwig Sütterlin im Auftrag des preußischen Kultur- und Schulministeriums zwei neue Ausgangsschriften für das Erlernen von Schreibschrift in der Schule. Neben der deutschen Sütterlinschrift, die an die deutsche Kurrentschrift angelehnt ist, erdachte sich der Schrifterneuerer auch eine stilistisch vergleichbare lateinische Schreibschrift. Das sollte den Kindern das Erlernen der Schreibschrift erleichtern. Ab 1924 wurde Sütterlin verbindlich an preußischen Schulen gelehrt und wurde bis 1930 in den meisten deutschen Ländern als Schulschrift verwendet.

Zwar konnte sich die Sütterlinschrift an den meisten deutschen Schulen durchsetzen, bis 1934 allerdings gab es de facto keine einheitliche deutsche Schreibschrift. Ein Erlass änderte das. Ab dem Schuljahr 1935/36 musste jeder deutsche Schüler das Lesen und Schreiben einer Verkehrsschrift lernen, die sich stark an Sütterlin orientierte.




Zu deutsch für die Nazis




Es waren ironischerweise die Nazis, die der altdeutschen Schrift den Todesstoß versetzten. Nach einem Erlass von Hitlers Vertrautem Martin Bormann vom 3. Januar 1941 galten Frakturschrift, Kurrent und Sütterlin als „Judenlettern“. Fälschlicherweise hatte Bormann behauptet, dass sich die in Deutschland ansässigen Juden „bei Einführung des Buchdrucks in den Besitz der Buchdruckereien“ gesetzt hätten, wodurch es schließlich zur Einführung der so genannten „Schwabacher Judenlettern“ gekommen sein soll. Nichts davon ist übrigens wahr.

Druckerzeugnisse wurden Schritt für Schritt auf die lateinische Antiqua umgestellt und an deutschen Schulen fand die gute alte Schreibschrift fortan nicht mehr statt.




Nach der Kapitulation der Deutschen im Mai 1945 sah sich keiner der Verantwortlichen motiviert, die altdeutsche Schrift wiedereinzuführen. Zwar wurde sie in verschiedenen Schulen noch als Zweitschrift gelehrt, aber selbst in Bayern als letztem Bundesland hat man im Jahr 1971 davon Abstand genommen.




Sütterlin lernen




Seitdem gibt es nur noch sehr wenige Menschen, die alte Dokumente lesen und aus dem Altdeutschen oder Sütterlin transkribieren können. Wer sich allerdings dafür interessiert, kann es lernen. Diverse Volkshochschulen und auch private Vereine bieten Kurse an.

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