"Grauenvoll" - was ist los mit Wildeshausern?
Mehr als die Hälfte der deutschen Wahlberechtigten sind am Sonntag nicht wählen gegangen. In Wildeshausen waren es fast zwei Drittel. Die Lokalpolitik ist entsetzt.
Wildeshausen "Was ist bloß los mit den Wildeshausern?" - Horst Dietz, Vorsitzender des FDP-Ortsverbands, gab seiner Enttäuschung Ausdruck. Damit meinte er keineswegs das Abschneiden seiner Partei, denn die konnte ihren Stimmenanteil bei der Europawahl am Sonntag in Wildeshausen von 9,9 auf 14,1 Prozent erhöhen. Vielmehr ließ ihn die Wahlbeteiligung seiner Nachbarn ins Grübeln kommen. 36,4 Prozent der Wildeshauser Wahlberechtigten gaben am Sonntag ihre Stimmen ab. Zwar befinden sich die Wahlbeteiligungen der Europawahlen 2009 und 2004 auf einem Niveau, nur ist dieses eben äußerst niedrig. Auch die Vertreter von CDU und SPD beklagten die Europa(wahl)müdigkeit der Wildeshauser. Das Desinteresse mache Michael Steinhoff, Stadtverbandsvorsitzender der CDU, einen "Strich durch die Rechnung" einer ansonsten (trotz kräftiger CDU-Verluste) relativ zufriedenstellenden Wahl. Drastischer in seiner Wortwahl war der SPD-Ortsvereinsvorsitzende Norbert Roßmann. Er nannte die Wahlbeteiligung "grauenvoll". Einzig Traute Sandkuhl von den Grünen konnte den Zahlen wenigstens etwas Positives abgewinnen - aber auch nur auf geringem Niveau: Sie sei "erleichtert", da sie mit einer noch schlimmeren Wahlbeteiligung gerechnet hatte. Nur ein gutes Drittel aller Wildeshauser Wahlberechtigten sind zur Wahl gegangen. Was bedeutet das? Sind die Wildeshauser besonders politikmüde? Ist ihnen Europa egal, oder sind sie einfach nur zufrieden mit Europa und sehen keinen Änderungsbedarf? Hat das Gildefest etwas mit der Unlust zu tun, zur Wahlurne zu schreiten? Was ist mit den Wildeshausern los? Sagen Sie uns Ihre Meinung!
Leserkommentare (1)
War die Zurückhaltung der Politik die Einsicht in die Unwissenheit der Bürger und ihre Enttäuschung über das, was angeblich an Wohltaten aus Brüssel über sie gekommen ist? Die politischen Lautsprecher der Parteien erhofften sich ein klares Votum für Europa.
Was aber ist Europa? Zunächst ist es ein Verwaltungsmoloch, der ständig neue Vorschriften ausspuckt, die dann in der Folge von den nationalen Parlamenten als Gesetz verabschiedet werden müssen. Etwa zwei Drittel der vom Bundestag verabschiedeten Gesetze sind zustimmungspflichtige Vorlagen aus Brüssel. Der Bundestag wird zum Abnicker-Verein. Verweigert er die Zustimmung, wird die Regierung vor dem Europäische Gerichtshof verklagt.
Von der Europawahl versprach mancher sich auch indirekt eine Zustimmung zu der angeblichen Europäischen Verfassung, über die der deutsche Bürger nicht abstimmen durfte (das hat den Vorteil, daß man ihn auch nicht informieren muss). So demokratisch gefestigt wie das irakische Volk sind wir eben nicht (über unser Grundgesetz gab es noch keine Entscheidung des Bürgers) - und die Erfahrung in den Niederlanden etwa oder in Irland hat auch gezeigt, daß das komplizierte Vertragswerk von Lissabon, das unsinnigerweise auch Verfassung der Europäischen Union genannt wird, nicht vom Volk akzeptiert wird. Wer hat denn auch die rund 200 Seiten - plus Protokollanmerkungen und Erklärungen zusammen fast 500 Seiten in der Druckfassung der Bundeszentrale für politische Bildung - gelesen oder gar verstanden?
Ja, es wurde wortreich für Europa geworben. Angeblich wäre unser Wohlstand - auch das ist relativ - nicht ohne Europa möglich, Exporte wären nicht so umfänglich - als hätte Deutschland nie mit seinen Nachbarn Handel betrieben, Frieden erst durch die Konstruktion der Gemeinschaft der Völker in Europa möglich - obwohl es nach vielen Kriegserklärungen bis heute keinen Friedensvertrag, sondern nur einen Waffenstillstand seit 1945 gibt, Reisen über die Grenzen Deutschlands erst durch das Europa möglich geworden - als sei das vorher nicht der Fall gewesen und obwohl man am Flughafen nach wie vor einen Ausweis vorzeigen muss, oder auch die einheitliche Währung, die einen Geldumtausch und die Rechnerei überflüssig macht - weil doch der Durchschnittsbürger ständig im Ausland herumreist und Schwierigkeiten mit dem Kopfrechnen hat. Da stimmt also vieles nicht.
Richtig ist, daß sämtliche Beschränkungen des Großkapitals entfallen sind. Richtig ist auch, daß Arbeitplätze in Rumanien billiger sind als in Deutschland. Noch gilt das - bis dann durch die Weiterentwicklung der europäischen Wirtschaftsstrukturen eine Kostenangleichung erfolgt und weiter östlich in Georgien, Usbekistan, in Tadschikistan vorübergehend die industrielle Fertigung billiger möglich ist als in den jeweils westlich davon gelegenen Nachbarländern.Irgendwann ist dann China erreicht. Das ist ein riesiger Markt für den in Europa grenzenlosen und grenzenlos rücksichtslosen Kapitalismus - wenn China dieser Entwicklung nicht zuvor kommt und Europa aufkauft, bevor die hiesigen Manager es überhaupt bemerkt haben, oder die Mitgliedschaft in der EU beantragt.
Die Wahlbeteiligung als ein Element der Legitimation des Europäischen Parlaments wurde vor der Wahl als problematischer Indikator für die Demokratie eingeschätzt. Vor fünf Jahren nutzten gerade 43 Prozent der Bürger ihr Wahlrecht. In diesem Jahr war es kaum anders. Nun wird gejammert, der Bürger habe wieder einmal die Bedeutung der Veranstaltung nicht erkannt. Der Bürger ist schuld. So einfach ist das. Dabei haben die Parteien es nicht geschafft, die Funktion dieses Europa deutlich zu machen. So lange etwa die Steuersysteme in jedem Land anders und noch so sind wie vor der europäischen Einheit, ist es nicht ünberzeugend, bei einer Wahl für ein europäisches Parlament mit dem Versprechen für Steuersenkungen in Deutschland zu werben. Das haben die Parteien noch nicht verstanden und sie lernen offensichtlich auch nichts aus diesen Ergebnissen.
Geistesblitze von Parteivertretern gab es: Ein Bundestagsabgeordneter schlug eine Strafe von 50 Euro für Nichtwähler vor. Ein Landtagsabgeordneter meinte zu der Wahlbeteiligung, die Poltik müsse mit den Medien reden. Daraus klingt Ratlosigkeit und eine Schuldzuweisung an die Medien. Eine Nachfrage blieb natürlich ohne Antwort. So geht die Politik meistens mit dem Bürger um und dann wundern sich die Großkopfeten, daß der Bürger sich enttäuscht von dem System abwendet.
Der Demokrat entdemokratisiert sich, weil die Politik beschlossen hat, ohne den Demokraten auskommen zu können.
Ein Vorsitzender einer örtlichen Partei meinte, die in Wildeshausen auffällig geringe Wahlbeteiligung auf das Gildefest zurückführen zu können. Dadurch habe eine ganze Woche gefehlt, um den Bürger zu mobilisieren. Statt den Bürger zu informieren, zu überzeugen, hält die Politik eine kurzfristige Mobilisierung des Wählers für ausreichend. Dieses grundsätzliche Missverständnis wird als Ursache für Wahlmüdigkeit nicht erkannt.
Immer erst kurz vor der Wahl werden plötzlich sämtliche Vorteile einer europäischen Gemeinschaft dargelegt, aber die Schwierigkeiten, die in vielen Bereichen, auch im Vertrag von Lissabon erkennbar sind, muss man sich selbst zeitaufwendig erarbeiten.
Aufsätze von namhaften Professoren, die sich mit dem Vertrag eingehend beschäftigen und deren Meinungen über den positiven Schachzug dieses Vertrages weit auseinander gehen, helfen kaum weiter. Man könnte sich höchstens einer Meinung anschließen, aber ohne zu wissen, ob diese Meinung frei von eigener Polemik ist.
Wenn man bedenkt, dass der Vetrag von Lissabon eine Weiterentwicklung der Römischen Verträge 1953 und 1957, der einheitlichen Europäischen Akte 1986, dem Vertrag von Maastricht 1992, den Verträgen von Amsterdam 1997 und Nizza 2001 ist, frage ich mich ernsthaft, welcher junge Bürger/-in kann für sich beurteilen, ob sich diese Vertragsbestandteile mit den nationalen Grundrechten und den fundamentalen Verfassungsprinzipien, die sich bewährt haben, vereinbaren lassen? Somit eine Wahl der Abgeordneten bzw. einer Partei, die sich für den Vertrag aussprechen, mit vielen Risiken behaftet wäre? Oder umgedreht, Parteien eine Stimme gibt, die sich gegen den Vertrag aussprechen, ohne sich deren Auswirkungen bewußt zu sein?
Ich mache ein ganz einfaches Beispiel: wir setzen einmal einen \"Erstklässler\" in eine Abiturprüfung und erwarten, daß er sich beteiligt und befähigt ist, für ein gutes Ergebnis zu sorgen und gleichzeitig den Klassendurchschnitt auf oberstem Niveau hält. ......
Unsere politische Entwicklung hat Ausmaße angenommen und ist ständig unvorhersehbaren Veränderungen unterworfen, daß es oberste Pflicht der Abgeordneten wäre, ein Team (es gibt genügend ehrenamtliche Politiker/-innen) einzusetzen, die nur dafür zuständig wären, \"barrierefrei\" und umfassend die Bürger und Bürgerinnen über ihre Denkansätze und der Arbeit in den Ausschüssen zu informieren. Vor allen Dingen mit aller Offenheit und ohne Zurückhaltung ihrer Motivation, die zu Entscheidungen führen. Allein durch Medienberichte, egal welcher Art, können die Bürger und Bürgerinnen, in dieser schnelllebigen Zeit, folgenschwere Entscheidungen kaum durchschauen. Nur wenn die Zusammenhänge eines Themas (hier Europa-Politik) den Menschen klar sind, werden sie sich ein Meinungsbild machen und ihre Zustimmung oder Ablehnung kund tun.
Wahlmüdigkeit - Wahlverdrossenheit sind große Begrifflichkeiten und deren Benutzung ist eine anmaßende Beurteilung eines Sachverhaltes, der ungeklärt ist. So lange der Bürger, die Bürgerin einer Wahl fern bleibt, sich einer Meinung enthält, ist auch das ein demokratisches Verhalten.
Die absurde Forderung eines Parteimitgliedes, eine Wahlpflicht einzuführen, zeigt auf, welches Demokratieverständnis in dieser Partei vorherrscht und zu welch einem Verzweiflungsinstrumentarium notfalls gegriffen wird.
Wir Hobbypolitiker und die gewählten Bürgervertreter sollten bei aufkommender Enttäuschung bedenken, Ergebnisse spiegeln die Leistungen, die zu einem Ergbnis geführt haben. Selbstreflektion dürfte das Zauberwort heißen.
Und was den Transfer der Inhalte der Europa-Politik betrifft, kann sich keine Partei mit einem Ruhmesblatt schmücken.
Ich jedenfalls freue mich, daß es Wähler in Wildeshausen und im ganzen Landkreis für unsere Parteiziele gab und danke diesen für ihr Vertrauen in unsere noch relativ \"junge\" Parteienarbeit. Ja, eine kleine Partei muss viel leisten, um die Menschen von ihren Zielen zu überzeugen, dessen sind wir uns bewusst und freuen uns über jede Zustimmung, die uns dann mit der Zeit größer werden lässt.
Gestern habe ich in meiner Eröffnungsansprache unserer neuen Geschäftsstelle des Wildeshauser Frauenvereins folgendes Zitat von Aurelius Augustinus verwendet, um Visionen erreichen zu können:
\"In dir muss brennen, was du im anderen entzünden willst.\"
Dies meint
Brigitte O. Kaiser
www.brigitte-ottilie-kaiser.de
Zum einen sind es die Parteien selbst. Als Beispiel: ich erinnere mich an eine Talkshow im Fernsehen bei der der CDU-Politiker Friedrich Merz nach seiner Definition für Demokratie gefragt wurde "Demokratie ist wenn man alle vier Jahre sein Kreuz macht." Dieser Satz sagt sehr viel über das Verständnis der etablierten Parteien aus. Als Wähler soll man gefälligst sein Kreuz machen und dann den Mund halten - so wie auch in Niedersachsen in der Schulpolitik, weitere Beispiele erspare ich mir. Das so etwas nicht dazu animiert zur Wahl zu gehen sollte klar sein. Direkte Demokratie ist ja von den großen Parteien nicht gewollt, es sei denn man kann das populistisch nutzen, wie die z.B. CDU im Bezug auf einen Türkeibeitritt (die ja sowieso gerne Unterschriften sammelt wenn man gegen den Doppelpass sein kann oder ähnliches). Das ist, wenn überhaupt, ein Thema das erst in viele Jahren aktuell wird. Das wirklich wichtige Thema unserer Tage, der Lisabonvertrag, der wird nicht zur Abstimmung gestellt und die Damen und Herren in Berlin werden schon wissen warum. Neben Fortschritten in Bereichen der Demokratie gibt es auch viele Sachen die fragwürdig sind, wie die Verbesserung der millitärischen Fähigkeiten und dem freien Markt.
Ein zweiter Punkt. Die Demokratie in unserem Europa lässt zu wünschen übrig. Das Parlament ist relativ machtlos. Die Entscheidungen fallen meistens auf der Ebene der Staatschefs - fernab von dem was man noch unter Demokratie verstehen kann.
Ein dritter Punkt sind die Medien, ja auch die NWZ. Wann berechten die über das Europaparlament? Oder wenn es um Europapolitik im Bundestag geht oder im Landtag? Ja, wer weis eigentlich das Europapolitik auch im Landtag gemacht wird?
Wen wundert das dann noch das so wenige da hin gehen?
Häufig bekam ich zu hören, dass es doch ganz gleich sei wen man wähle. Es kommt eh nichts dabei raus. Oder aber, dass es eh nur zwei größere Parteien gäbe, alle anderen laufen eher mit und können in der EU nichts bewegen. Hinzu kommt glaube ich noch die falsche Meinung zum EU-Parlament. Die Arbeit dort bekommt man hier kaum mit, Gesetzentwürfe nur, wenn sie im eigenen Parlament angenommen und umgesetzt wurden. Aber das das aus Brüssel kommt, wissen die wenigsten. Dafür hört man dann eher, wieviel Geld so ein Parlamentarier dort bekommt, Spesen ohne Ende und Sitzungen, bei denen man nur unterschreibt und geht. Es muss sich dringend etwas am Gesamtbild ändern.
Und sein wir doch mal ehrlich - zur Bundestagswahl sieht es doch nicht viel besser aus - Entweder wähle ich schwarz-gelb oder rot-grün. Mehr Möglichkeiten gibt es doch kaum. Ganz rot vielleicht noch. Aber wer soll dann dieses Land aus der Krise holen?!
Ursache ist der zunehmende Werteverfall in unserer Gesellschaft. Es geht uns gut, wir klagen auf einem hohen Niveau, jeder will für sich allein das optimale erreichen. Berlin und Brüssel sind weit weg - "ich allein kann ja sowieso nichts erreichen" und für ein eigenes Engagement habe ich keine Zeit.
Übersehen wird dabei, dass es eben nicht wirklich allen Mitbürgern gut geht. Einer (noch) kleinen Minderheit geht es aus verschiedenen Gründen nicht mehr gut und sie befinden sich in einer Situation, die sie selber kaum verbessern können. Diese Menschen in oft extremen sozialen Verhältnissen, werden vermutlich eher empfänglich sein für extreme politische Ansichten. Zum Teil kann man das heute schon an Wahlergebnissen ablesen. Zwar sind die extremen Parteien aus der rechten Ecke Gottseidank noch nicht bedeutend, aber auf der linken Seite können wir schon "Die Linke" als extreme Partei ausmachen. Und das ist schon sehr besorgniserregend. Gerade vor dem Hintergrund, dass wir, bedingt durch die demografische Entwicklung, noch einige "spannende Jahrzehnte" erleben werden, kann ich nur alle vernünftigen Mitbürger auffordern:
Geht beim nächsten Mal nicht nur wählen - bringt eure Kritik in die Arbeit der demokratischen Parteien selber ein!
Viele Grüße
Stephan Rollié
Ich spreche da nicht für mich - Demokratie kann natürlich nur funktionieren, wenn jeder Wahlberechtige auch seine Stimme abgibt. Aber wie man Politik - und gerade diejenige, die nicht nur Deutschland betrifft (also vermeintlich unwichtig ist) interessanter machen könnte, da bin ich leider auch überfragt. Sie ist und bleibt halt für die Meisten ein recht trockenes Thema.