Donnerstag, 15. Juli 2021, 23:56 Uhr
Altenpflege

Digitalisierung in der Altenpflege: Von Chancen bis Problemen

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Jade Nicht nur während der Pandemie zeigte sich: Eine digitale Welt kann gewissen Herausforderungen besser begegnen. Schon in den Jahren zuvor hielt der technologische Fortschritt ganz allmählich Einzug in den Alltag der meisten Menschen. In der Altenpflege hingegen ging es lange eher rückschrittlich zu. Das soll sich in Zukunft ändern.


Entlastung für Pflegekräfte durch Digitalisierung

Ein großes Plus, das ein digitaleres Arbeitsumfeld mit sich bringen könnte, wäre vor allem die Entlastung der Mitarbeiter in Pflegeeinrichtungen. Diesbezüglich gibt es inzwischen eine große Bandbreite an innovativen Ideen, Produkt-Prototypen und Erfindungen, die bereits getestet werden. Ein Teil dieser Innovationen bezieht sich auf die administrative Arbeit, der andere könnte den Umgang mit den Pflegebedürftigen optimieren und erleichtern.

Mehr Zeit für den individuellen Kontakt von Mensch zu Mensch bliebe beispielsweise, wenn sich häufige Handgriffe automatisieren ließen. Dies ist zum Beispiel bei intelligenten Matratzen der Fall, die auf der Messe Altenpflege vorgestellt wurden und dabei helfen können, ein Wundliegen bei immobilen Menschen zu vermeiden.

Auch eine Verringerung des administrativen und bürokratischen Aufwands könnte sich durch ein digitales Arbeitsumfeld erreichen lassen. Automatisch übernommene Diagnosedaten, eine vereinfachte Kommunikation mit behandelnden Ärzten sowie praktische Tools für die Dienstplanerstellung oder Tagesstrukturierung schaffen in der Zukunft vielleicht mehr Zeit. Da insbesondere der zwischenmenschliche Kontakt ein nicht zu unterschätzender Aspekt beim Beruf des Altenpflegers ist, wäre ein verstärkter Fokus hierauf wieder möglich.


Leichtere Kommunikation, weniger Fehler

In Bezug auf Kommunikation und Datentransfer sind Pflegeeinrichtungen derzeit noch auf viel Handarbeit und umständliche Kommunikationswege angewiesen. Tatsächlich gehört das Faxgerät auch heute noch zu den Standard-Werkzeugen, obwohl es in anderen Branchen längst durch modernere Alternativen ersetzt wurde. Das erhöht die Fehleranfälligkeit, denn durch unleserliche Schrift oder beim Abtippen vieler Informationen können sich schnell ungewollte Abweichungen einschleichen.

In der Zukunft könnten neue Plattformen die Übertragung von Daten vereinfachen und die Kommunikation zwischen Apotheken, Ärzten, Kliniken, ambulanten Diensten und Heimen erleichtern. Schon jetzt gibt es ein Modellprojekt, das eine solche Telematikinfrastruktur auf die Probe stellt. Verantwortlich hierfür zeichnet sich die gematik GmbH, die in direkter Verbindung zum Gesundheitsministerium und weiteren Verbänden steht.


Ein anregenderes Umfeld für Pflegebedürftige

Abgesehen von der Entlastung der Pflegekräfte, könnte sich auch die Lebensqualität der Bewohner von Pflegeheimen durch die Digitalisierung verbessern. Mit Virtual Reality Brillen, Pflegerobotern und Tablets für den Kontakt zur Außenwelt ist es möglich, Menschen kognitiv und körperlich zu unterstützen. Erfolgt dies parallel zum persönlichen Kontakt mit dem Pflegepersonal und anderen Bewohnern, ergibt sich ein weit vielfältigeres Leben.


Pflege zu Hause und im Heim: Das Haus von morgen zeigt Chancen

Auch in der häuslichen Pflege dürfte die Digitalisierung in Zukunft eine bedeutende Rolle spielen. Und nicht nur das: Intelligente Systeme und Assistenztechnik sind theoretisch sogar dazu in der Lage, Menschen ein möglichst langes Verbleiben in ihrem gewohnten Umfeld zu ermöglichen. Wie das aussehen könnte, zeigt die Projektreihe „DeinHaus 4.0“ und verfolgt dabei das Ziel, moderne Technik und den Endnutzer zusammenzubringen. Zur Ausstattung eines solchen Zukunftshauses gehören könnten beispielsweise

·         Sturz-Sensoren, die im Notfall ein SOS-Signal absetzen,

·         Rauch-Detektoren, die den Herd abschalten können

·         und Bewegungssensoren, die dunkle Räume in der Nacht automatisch erhellen.

Im Rahmen der Projektreihe wird es mehrere unterschiedliche Beispiel-Szenarien geben, welche Interessierte direkt erleben können. Bereits seit 2018 und noch bis 2023 arbeiten Experten der Technischen Hochschule Deggendorf an Mustereinrichtungen. Weitere Einrichtungen in Roding und dem Landkreis Cham sind geplant. Hierbei handelt es sich nicht nur um Perspektiven in Bezug auf häusliche Pflege, sondern auch für Pflegeheime. Dies schafft eine breite Basis, auf der die Zukunft der Pflege besser diskutiert und erlebt werden kann.


Nicht jedes Pflegesetting ist gleich

Eine Hürde auf dem Weg zur Digitalisierung in der Pflege ist die Tatsache, dass Pflegeeinrichtungen äußerst unterschiedlich sind. Einzelne Innovationen, welche sich beispielsweise in der ambulanten Pflege als bahnbrechend erweisen, können in Kliniken oder anderen stationären Einrichtungen kaum einen Sinn erfüllen.

Daher müssen vielfältige Konzepte entworfen werden, um ein möglichst gleichmäßig verteiltes Vorankommen zu gewährleisten. Dass derzeit noch nicht einmal flächendeckendes WLAN in Pflegeeinrichtungen verfügbar ist, offenbart den enormen Nachholbedarf vielerorts.


Berührungsängste beim Personal

Ebenfalls als potenzielle Bremse könnte das Personal selbst fungieren. Diesbezüglich merken Experten hin und wieder an, dass technische Neuerungen bei Pflegekräften und Mitarbeitern anderer Gesundheitsberufe nicht zwangsweise direkt akzeptiert werden. Dementsprechend muss mit anfänglichen Berührungsängsten gerechnet werden.

Diesbezügliche Sorgen etwas gemildert hat jedoch die Pandemie. In den Monaten des Lockdowns und der sicherheitsbedingten Abschottung der Heime traten digitale Lösungen plötzlich in den Vordergrund. Tablets für die Kommunikation und viele weitere Hilfsmittel fanden ihren Weg schnell in die täglichen Abläufe. Dies zeigt, dass viele Pflegekräfte deutlich offener und flexibler sind als bislang gedacht.


Finanzierung: Das schafft nicht jedes Haus

Nicht vergessen werden sollte außerdem, dass mit der Digitalisierung und der entsprechenden Ausstattung der Pflegeeinrichtungen große finanzielle Investitionen ins Haus stehen. Nicht nur die Anschaffung selbst, sondern auch die Refinanzierung stellt eine große Herausforderung dar. Ein zu hoher Investitionsbedarf könnte den Fortschritt frühzeitig bremsen.

Hier ist es wichtig, Einrichtungen nicht sich selbst zu überlassen, sondern durch entsprechende Förderprogramme und Finanzierungslösungen Türen zu öffnen. Auch wenn dies bereits geschieht, dürfte der Bedarf in Zukunft steigen. Deshalb mahnen Experten schon heute dazu, Finanzierungsprogramme für die kommenden Jahre zu erarbeiten, um einem stockenden Fortschritt vorzubeugen.


Keine Linderung des Fachkräfteproblems

Keine Frage: Die Digitalisierung wird über kurz oder lang ihren Weg in die Altenpflege finden. Wie schnell das geht und in welchem Umfang das Gesundheitswesen profitieren kann, bleibt abzuwarten. Fest steht allerdings, dass auch das modernste Umfeld keinen Ersatz für die menschliche Arbeitskraft darstellt und dass die Digitalisierung folglich nicht als Lösung für den Fachkräftemangel gelten darf. Weiterhin bleibt es essenziell, verbesserte Arbeitsbedingungen zu schaffen, um Mitarbeiter zu halten und attraktiver für den Nachwuchs zu werden.

Welche Maßnahmen in Bezug hierauf wichtig sein könnten, erarbeiten Ländervertreter und weitere Experten derzeit im Rahmen der Konzertierten Aktion Pflege (KAP). Im Fokus stehen dabei die Entlastung von Pflegekräften, eine Verringerung der Arbeitsverdichtung und innovative Ansätze für eine bessere Versorgung. Keinesfalls Teil der Pläne sind jedoch Personaleinsparungen durch technische Hilfsmittel. Der Mensch bleibt also weiterhin essenziell für eine gute Altenpflege, könnte mit Hilfe der Digitalisierung langfristig gesehen aber wieder mehr Freiheiten und weniger Stressbelastung genießen.

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