Montag, 08. April 2013, 14:47 Uhr
Halsbek / Westerstede / Friedhof

Grabsteine in Halsbek geben ein Schlaglicht auf schlimme Zeiten

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Weiterer Aufschluss durch Dokumente im Stadtarchiv Westerstede

Halsbek / Westerstede / Oldenburg Man bemerkt die beiden grauen Grabsteine auf dem kleinen Friedhof am Rande von Halsbek eher zufällig - oder wenn man besonders aufmerksam herumgeht. Und doch sind sie von besonderer historischer Bedeutung. Sie zeugen nämlich von einer dunklen Zeit vor über 65 Jahren.

Beide Grabmäler tragen je 3 Namen mit Geburts- und Sterbedatum und abgekürzter Nationalitätsangabe. Es handelt sich zum einen um 3 polnische Kinder im Säuglingsalter, 1944 bzw. 1945 geboren und jeweils schon im selben Jahr verstorben. Weiter ist da der Name eines 6-jährigen Letten, der Krieg war in Europa schon vorbei, als er starb. Schließlich sind noch zwei junge Männer auf den Steinen verzeichnet, ein 19-jähriger Ukrainer und ein 23-jähriger Pole.

Ein Gang ins Westersteder Stadtarchiv (zur Zeit zu finden im Ocholt, Schulstraße 1 im alten Lehrerhaus) führt zu weiteren Entdeckungen. In einem Ordner, in dem Dokumente zum Thema Kriegsgräber gesammelt sind, finden sich einige alte Gräberlisten, darunter auch zwei von Halsbek. Hier erfährt man dann auch etwas mehr zu den Toten.

Kasimier Kurpiasowny, geboren am 27. Januar 1944 in Oldenburg, verstorben nicht einmal zwei Wochen später am 8. Februar desselben Jahres in Halsbek, war angeblich das Kind eines polnischen Landarbeiterpaares. Wladimir Blaziak, "Kind einer poln. Arbeiterin", starb ebenfalls 1944, am 3.8. in Hoheliet. Geboren wurde er in Oldenburg am 13. März des Jahres. Das "lettische Arbeiterkind" Janis Liepinsch wurde am 29.5.1939 in Riga geboren, der Junge starb in Halsbek am 8.6.45. Das vierte verstorbene Kind war Ryszard Scolinowski, wiederum "Kind einer poln. Arbeiterin" wurde am 22. April 1945 in Westerstede geboren, sein Todesdatum wird mit 4.5. 1945 und der Ort mit Halsbek angegeben. An diesem Tag kapitulierten bereits die deutsche Streitkräfte im Nordwesten (von den Niederlanden bis Norwegen).

Für drei der Kinder hat jemand mit Bleistift die Todesursachen zugefügt: "Lebensschwäche", Keuchhusten mit Krämpfen und Diphterie liest man dort.

Der Ukrainer Wasyl Szymkiw wurde am 22.4.1923 in Siechow, Kreis Drohobycz. Das ist wohl in der Region Lemberg (Lwiw). Er starb am 17.12.1942 im Tarbargermoor bei einem Unfall. Und der Pole Henryk Marczak setzte angeblich seinem Leben selbst ein Ende. Er verstarb in Halsbek am 29. Oktober 1942. Geboren wurde er in Wiczky, Kreis "Litzmannstadt", d.i. Lodz.
Es ist nicht unbedingt davon auszugehen, daß die Rechtschreibung der Eigennamen immer korrekt ist. 5 der 6 Verstorbenen konnte ich auch in der Gräber-Datenbank des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge finden (Stand 8.4.2013).

Bei den beiden jungen Männern wird wie auch bei den Kindseltern Landarbeiter oder Arbeiter als Beruf angegeben; wie freiwillig sie diese Arbeit ausübten, bleibt sehr fraglich. Aufgrund der Todesumstände kann man durchaus über ziemlich schlechte Lebens- und Arbeitsbedingungen spekulieren, wiewohl das in den Kriegstagen auch allgemein der Fall war. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß der junge Pole wirklich schlimme Zeiten erlebt haben musste, so dass er für sich keine Lebensperspektive mehr sah!

In den 1960er-Jahren war es einmal angedacht, die Verstorbenen nach Westerstede umzubetten. Das belegen ebenfalls Dokumente im Stadtarchiv. Man wollte alle Gräber von sogenannten ausländischen Zivilarbeitern und deren Kindern zusammenfassen. Doch dazu scheint es nicht mehr gekommen zu sein.

Sicherlich wäre es interessant über diese Opfer des zweiten Weltkrieges mehr zu erfahren. Möglicherweise gibt es noch eigene oder familiäre Erinnerungen. Ergänzende Informationen  sowie auch Korrekturen sind mir sehr willkommen.

s. auch den Artikel "Ausländische Zivilarbeiter" während des Weltkriegs im Ammerland - Erinnerungen.

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