Freitag, 23. August 2019, 21:52 Uhr
Leben

"Agnes", alles ist so anders!

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Jeder, der sich mit der „schreibenden Zunft“ verbunden fühlt, der weiß, daß es wahrlich eine Gottesgabe ist, wenn man alles in Worte fassen kann was einem bewegt, man kann soviel verarbeiten und sich die Traurigkeit von der Seele schreiben. "Demenz", auch eine wahre Geschichte, die ich hier niederschreibe.

Apen / Oldenburg
A g n e s

Ich lernte sie erst richtig kennen nachdem ich sie schon als intelligente und  „wie ich zu sagen pflegte“ öffentliche Person wahrgenommen hatte. Sie schrieb schon so lange Geschichten über das Leben, meistens in plattdeutscher Sprache.

Ich bewunderte sie, denn ihre Perfektion in allen Details, ihre akribischen Recherchen beeindrucken mich sehr. Alles was sie schrieb gefiel ihren vielen Zuhörern, sie zog sie immer wieder in ihren Bann.

Es waren die sogenannten familiären, dörflichen Veranstaltungen bei denen ihre Vorträge gefragt und geschätzt waren.

Agnes (Name geändert) war ungefähr 15 Jahre älter als ich, aber sie war mir in der Zeit, in der wir Kontakt hatten, eine wahre Freundin.

Sie lud mich zu sich nach Hause ein und es gab etliche Stunden, in denen ich mich bei ihr und auch ihrer Familie sehr wohl fühlte.

Wir beide, Agnes und ich besuchten eines Tages eine 102-jährige alte Dame in unserer Gemeinde.

Sie fand damals, „wir müssen von ihr unbedingt etwas über ihr langes Leben erfahren“, bevor es zu spät dafür sei. Solche Schätze seien sehr wertvoll, ergänzte sie noch.

Entgegen der Aussage der Familie der alten Dame und auch entgegen der Informationen aus den Medien erwies es sich bei unserem Besuch, daß diese Aussagen wohl etwas geschönt waren.Diese  besagten nämlich, daß die alte Dame noch unglaublich fit sei, geistig rege und sogar noch ohne Brille lesen könne.

An diesem Tag haben wir nichts über die Vergangenheit erfahren, aber trotzdem haben wir etwas mit nach Hause genommen: Wir haben eine nette ältere Dame kennengelernt, die mit 102 Jahren durch ein langes Leben gegangen ist und sehr viel erlebt hat, auch wenn sie darüber nicht mehr berichten konnte.

Agnes schrieb auch weiterhin ihre Gedanken auf und erzählte in ihren Geschichten von früher und heute. Ihr Mann und ihre beiden Söhne unterstützten sie mit Fotos dabei, denn ihre „Männer“ waren in der Kunst der Fotografie von jeher zu Hause gewesen.

Ich traf meine neue Freundin privat und auch bei öffentlichen Veranstaltungen, zu denen sie bevorzugt eingeladen wurde und wir beide verstanden uns immer besser.

Dann kam der Tag, an dem ich meinen Wohnort wechselte, wir zogen in eine andere Stadt in der Nachbargemeinde.

Obwohl die Entfernung nicht wirklich groß war brach der Kontakt so nach und nach ganz ab.

Desto mehr Zeit vergangen ist, desto schwerer fällt es bekanntlich ,wieder aufeinander zuzugehen. Die Hemmschwelle wird dann immer größer und ohne daß man etwas dazutun kann  verliert man sich auch gedanklich mehr und mehr.

Es ist noch nicht so lange her, da las ich in der hiesigen Tageszeitung, daß einer ihrer Söhne verstorben ist. Er war noch sehr jung , es muß für Agnes ein Schlag gewesen sein, denn gerade sie legte soviel Wert auf ihre Familie.

Ich schrieb, aber ich hörte nichts, was ich aber sehr verständlich fand. Es ist immer sehr schlimm wenn Kinder vor den Eltern sterben.

Wie mochte es ihr wohl gehen? Und dann erfuhr ich durch Zufall von gemeinsamen Freunden, daß Agnes schon seit Jahren in ihrer eigenen Welt lebt, den Bezug zur Realität vollkommen verloren hat und sicherlich auch nichts vom Tod ihres Sohnes mitbekommen hat.

Sie würde nicht einmal ihre Angehörigen erkennen, so erfuhr ich weiter. Mein Herz fühlte sich an wie eingeklemmt, ich war erschüttert von dieser Nachricht.

Agnes hatte eine perfekte Familie gehabt. Sie hatte aus ihrem Hobby einen tollen Job gemacht und ich habe sie manches Mal bewundert.

Heute hat sie aus meiner Sicht alles verloren was ihr jemals Freude gemacht hat.

Beim weiteren Nachdenken aber stellt sich mir die Frage, „wieviel weiß Agnes eigentlich von der Krankheit, die sich Demenz nennt“?

Es kann sein, daß sie sich ihre Welt so eingerichtet hat, daß sie sich darin wohlfühlt.

Vielleicht gibt es sogar einen Zaun, der ihr Eigentum und ihr Reich beschützt, sodaß keiner von uns über diesen Zaun zu ihr hinübersehen kann?

Der Blick in ihre Welt bleibt uns für immer verwehrt, eine Welt, in der wir alle keine Rolle mehr spielen.

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