Dienstag, 19. August 2014, 16:11 Uhr
Rickels / Reserve-Infanterie-Regiment / Oldenburg

Familiengeschichte: Ein Landwirt aus Goelriehenfeld und der Erste Weltkrieg

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Schilderung nach der Chronik des Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 74

Westerstede / Bockhorn / Goelriehenfeld Vor kurzem berichtete die NWZ über Walter Ordemann, der durch Feldpostkarten und eine Regimentschronik mehr über die Zeit seines Vaters Karl im Ersten Weltkrieg herausfinden konnte. Von meinem Urgroßvater Johann Diedrich Rickels, der 1915 in Frankreich fiel, ist leider keine Feldpost erhalten. Im übrigen gibt es auch keine Tagebücher, und er war nicht mehr in der Lage, vom Krieg zu erzählen, wenn er es gewollt hätte. Doch immerhin existiert von dem 74. Reserve-Infanterie-Regiment, dem er angehörte, ebenfalls eine ausführliche Regimentschronik, herausgegeben 1933 in Oldenburg von einem Georg Bauer. So kann man zumindest ungefähr erahnen, wie die letzten Monate meines Urgroßvaters verlaufen sein müssen.

Johann Diedrich Rickels, geboren 1885, war Bauer in Goelriehenfeld. Er war verheiratet und hatte fünf Söhne und eine Tochter. Zur Geburt seines zweiten Sohnes Gustav 1907 ist übrigens als Beruf Musketier in Oldenburg angegeben. Vermutlich leistete er zu der Zeit Wehrdienst ab.

Das Reserve-Infanterie-Regiment 74 wurde ab dem 2. August 1914 in Oldenburg Nienburg und Hannover aufgestellt. Am 6.8. trafen in Oldenburg die Mannschaften des I. Bataillons ein, dessen 1. Kompanie Johann D. Rickels angehören sollte. Nachdem die Soldaten ärztlich untersucht und mit Ausrüstung versehen worden waren, wurden sie 4 Tage später mit der Eisenbahn vom Oldenburger Bahnhof aus in die Eifel transportiert.

Am 15. August überschritt das Regiment die damalige belgische Grenze, die weiter westlich lag als heutzutage. Hier bekam man erste Kriegszerstörungen zu Gesicht. Hinter Lüttich plünderten die Soldaten den Weinkeller eines Schlosses. In Charleroi geriet man unter Beschuss von Heckenschützen, die offensichtlich auf diese Weise ihr Land gegen die Eindringlinge verteidigen wollten. Buchautor Georg Bauer beklagt sich bitterlich darüber. Im Gegenzug setzten die Deutschen Häuser in Brand. Weitere Kämpfe folgten. Das Regiment verfolgte dann französische Truppen und überschritt dabei am 26.8. die Grenze zu Frankreich. Mit dem Beginn der Marne-Schlacht am 6. September endete der deutsche Vormarsch etwa zwei Tagesmärsche von Paris, wobei das III. Bataillon des Regiments in den Kämpfen vollständig zerschlagen wurde. Man war gezwungen, sich zu zurückzuziehen. Bei strömendem Regen durchquerten die Truppen die Stadt Reims, deren Bevölkerung sich schadenfreudig zeigte.

Am 13. September begann dann der lange Stellungskrieg, der den Ersten Weltkrieg so prägte. Das 74. Reserve-Infanterie-Regiment machte kurz hinter Reims bei den Dörfern Cernay und Berru halt und legte dort ein System von Schützengräben an. Die folgende Zeit war von Graben und Ausharren, Kämpfen, Scharmützeln und Schießereien geprägt.Die Freizeit verbrachten die Männer in Berru. Es herrschte herrliches Altweibersommer-Wetter vor. Von den Schützengräben aus sah man – oft unwirklich nah – die Stadt Reims mit ihrer gotischen Kathedrale.

Im November wird Johanns I. Bataillon nach Ypern in Belgien abkommandiert, um bei den dortigen heftigen Kämpfen für Verstärkung zu sorgen. Das Wetter war mittlerweile schon winterlich. Am 29. des Monats war man zurück in Berru.

Wehmütig feierten die Männer dort Weihnachten. In der Dorfkirche von Berru hielten sie am Heiligen Abend Gottesdienst. „Oh du fröhliche“ und „Stille Nacht“ wurden gesungen. Es war wohl für viele das erste Mal, das sie Weihnachten nicht daheim feierten, und man hatte angenommen, dass der Krieg bis dahin zu Ende sein würde. Am Abend des ersten Feiertages wurden die Mitglieder eines anderen Regiments in den Schützengräben abgelöst. Auch über die Jahreswende befand man sich „im Graben“. Hier bleib es ziemlich ruhig. Um Mitternacht schoss man eine Leuchtrakete in den Himmel, man sang ein Kirchenlied und die Nationalhymne. Am 27.1. gab es einen Feldgottesdienst zu Kaisers Geburtstag.

Am 3. Februar 1915 wurde das Regiment schließlich in die Champagne in die Nähe des Dorfes Perthes-les-Hurlus verlegt. Dieser Frontabschnitt galt als einer der schwierigsten und gefahrvollsten, ein ständig unter Beschuss stehender „Hexenkessel“. Auf zwei Tage an der Front folgten 48 Stunden im Mittellager und weitere 48 Stunden im Ruhelager, wo freilich jeweils Verbindungsgräben auszuheben waren.

Am 16. Februar, einem Tag mit stürmischem Regenwetter, begann mit allerheftigstem Artilleriebeschuss ein schon erwarteter großer Angriff der Franzosen – die Winterschlacht in der Champagne (Schlacht bei Perthes-les-Hurlus). Das I. Bataillon mit Johann Diedrich Rickels befand sich an diesem Tag gerade im Ruhelager, wurde aber nach vorne gerufen. Buchautor Georg Bauer beschreibt, wie am Morgen des folgenden 17. Februar 1915 die Sonne purpurrot aufging. Der Beschuss steigerte sich wieder von Stunde zu Stunde. Es folgt ein weiterer französischer Angriff. Bei den Kämpfen dieses Tages verlor auch der Wehrmann Johann Diedrich Rickels aus Goelriehenfeld sein Leben. Insgesamt waren auf beiden Seiten die Opferzahlen dieses Schlacht, die am 19. endete riesig. Die Bergung der Gefallenen konnte für gewöhnlich nur mit Verzögerung erfolgen.

Die genaue Grablage von Johann Diedrich Rickels ist unbekannt. Da sein Bauernhof in Goelriehenfeld sich ganz nahe der Gemeindegrenze zwischen Westerstede und Bockhorn befunden hat, ist sein Name sowohl auf dem Denkmal in Linswege als auch auf demjenigen in Jührdenerfeld verzeichnet. Auf letzterem findet sich auch sein jüngster Sohn Hans, der 1944 im Zweiten Weltkrieg fiel. Kurz nach der Geburt von Hans musste sein Vater in den Krieg gehen. Die Familie zog übrigens später von Goelriehenfeld nach Astederfeld um.

Weitere Fotos zu diesem Artikel gibt er hier auf Mein Westerstede in einem kleinen Fotoalbum. s. auch das Fotoalbum "Das Denkmal in Linswege".

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