Sonntag, 09. Januar 2022, 16:42 Uhr
Schule und Heimat

Ocholter Schule Richtfest und Einweihung 1927

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Ein Bericht aus dem Ammerländer vom 8. August 1927

Ocholt

Doppelrichtfest der neuen Schule und der Lehrerwohnung in Ocholt

Unter Ausnutzung des herrlichen Sommerwetters wurde in der letzten Woche mit Hochdruck und Eifer dahin gearbeitet, den Neubau der Schule und der Lehrerwohnung in Ocholt soweit zu fördern, daß gestern in den Abendstunden für beide Bauten gleichzeitig das Richtfest stattfinden konnte. Wie bei der Grundsteinlegung hatten sich auch zu diesem bedeutsamen Ereignis für Ocholt-Howiek die Mitglieder des Gemeinderates und Schulvorstandes mit Herrn Dr. Winters an der Spitze, sowie zahlreiche Einwohner und die Schuljugend eingefunden. Ebenfalls war Herr Regierungsbaurat Ritter, der verdienstvolle Schöpfer und Leiter des schönen Werkes zugegen.

Kurz nach 17 Uhr wurden unter Führung von Herrn Hauptlehrer Walter und unter Vorantritt einer Musikkapelle die am Vorabend von jungen Mädchen angefertigten und bunt geschmückten Kronen und Kränze im Festzuge von Hobbie`s Gasthof zum Neubau überführt. Nach altem Zunftbrauch wurde der bunte Zug in Begleitung der Handwerker
mit Musik und Gesang dreimal um beide Neubauten herumgeführt und die bunten Kronen darauf im Dachgerüst angebracht.

Vom Gerüst des Schulneubaus sprach der Altgeselle Arntjen folgenden,  für die neue Schule so treffenden Richtspruch:

Der frohe Tag ist endlich da,
dem sehnend ich entgegensah,
daß dieses Schulhaus aufgericht
dasteht vor Gottes Angesicht –
Nun lade ich euch freundlich ein,
ihr alt und junge, groß und klein,
versammelt euch im Kreise nun
um euer neues Schulhaus her!
Das alte Haus war viel zu klein,
wo einst ihr ginget aus und ein.
Wo ihr das ABC studiert
und wo man euch die Hand geführt.
Drum kam die löbliche Gemein
nach langem raten überein,
zu bauen hier ein großes Haus,
das für die Jugend reiche aus.
Und Gott sei Dank, nun stehet ja
ein großer Bau errichtet da,
nach manchem Hieb und hartem Schlag
und manchen heißen Arbeitstag, -
Ihr Kinder, merkt, was heut vom Dach
der Zimmermann im Schurzfell sprach:
Laßt euch das neue Schulhaus sein
ein Sporn zu neuem ‚Fleiße sein!
Bald findet ihr hier Unterricht
von ‚Gott und Welt und eurer Pflicht,
da lernt ihr wie jedermann
froh beten und froh streben kann.
Ihr Kinder flieht den Müssiggang,
besucht die ‚Schule ohne Zwang  -
Kommt gern! – Die Lust versüßt die Müh;
Versäumet sie aus Faulheit nie,
geht nie dahinter, nie vorbei,
denn sonst folgt oft zu spät die Reu;
Die Stunden wo ihr lernen sollt,
sind köstlicher als blondes Gold.
Wer eine nur läßt aus der Acht,
wer in der Schule schwatzt und lacht,
verschwendet einen großen ‚Schatz
und kommt nicht von dem alten Platz.
Und was ihr jetzt versäumt im Fleiß,
rächt sich an euch als Mann und Greis:
Denn wenn du nichts gelernt hast,
fällst du den anderen einst zur Last,
Bist ebenso ein schlechter ‚Christ,
als du ein schlechter Bürger bist.
Drum merke, was euch vom Dach herab
der Zimmermann zur Lehre gab.
Euch aber, Eltern, mahnt die Pflicht,
Verzärtelt eure Kinder nicht,
und haltet sie in eurem Kreis
schon frühe an zum regen Fleiß!
Denkt, welche Wohltat auch dabei
Die öffentliche Schule sein.
Und haltet keins davon zurück,
sonst störet ihr der Kinder Glück!
In ihrem Lernen störet sie
durch häusliche Geschäfte nie!
Nie raub`, o Vater, deinem Sohn
dein Handwerk eine Lektion.
Nein,  haltet sie auf der Bahn
die Kinder selber fleißig an.
Und dankt vor ihrem Angesicht
dem Lehrer, der treu seiner Pflicht,
auch strenge Mittel seiner Zucht
zu ihrer Besserung versucht
und ihnen ihre Unart wehrt. –
Und jede Jugend die er lehrt,
die übt ihr Eltern auch zu haus
vor eurer Kinder Augen aus;
Dann werden sie auch schon erblüh`n,
die Kinder, die euch Gott verlieh`n  -
Nun wünsche wer noch wünschen kann,
so herzlich wie der Zimmermann,
Und mit mit emporgehobenem Blick
Dem neuen Schulgebäude Glück!
Gott, der uns Holz, dem Maurer Stein,
und Mut und Kraft und froh Gedeih`n
zu diesem frommen Baue gab,
er blicke mild auf ihn  herab,
und Pflanzstadt junger Christen sein.

Nachdem von Herrn Dr. Winters die Frage des Altgesellen, ob der Bau gefalle und gelungen sei, bejaht worden war, zerschellte der Altgeselle eine Flasche und brachte auf den Gemeinderat und Schulvorstand, auf die Bauleitung, Unternehmer und Mitarbeiter ein Hoch aus. Von dem Dachgerüst des Wohnungsneubaues herab sprach der Unternehmer Wöbken in zunftmäßiger Weise und brachte dabei ebenfalls die üblichen Hochs aus.

Hierauf wurden die Feststeilnehmer unter Vorantritt der Musik in geschlossenem Zuge in den großen Saal von Witwe Hobbie geleitet, wo für den weiteren Festakt und zu einem Festessen alles auf das beste vorbereitet war.

Mit einer Ansprache vin Herrn Dr. Winters wurde dieser Festabschnitt eingeleitet. Anknüpfend an seine vortrefflichen Ausführungen bei der Grundsteinlegung brachte er miteindrucksvollen Worten freudig und zuversichtlich zum Ausdruck, daß mit der Ausführung des Schulneubaues in Ocholt die Gemeinde Westerstede den richtigen Weg eingeschlagen habe und dank der Umsicht der Bauleitung und der verständnisvollen Mitarbeiter der Unternehmer der Bau besonders gut gelungen sei. Hierbei  würdigte Herr Dr. Winters besonders die großen Verdienste von Herrn Baurat Ritter und endete seine Ausführungen unter dem Beifall aller Festteilnehmer mit einem Hoch auf den verdienstvollen Schöpfer der neuen Schule.

Herr Regierungsbaurat Ritter fand darauf warme Worte des Dankes für Herrn Dr. Winters und für alle diejenigen, die das edle Werk der Gemeinde Westerste de trotz der anfänglichen großen Schwierigkeiten bis zu dieser zweiten Etappe (Doppelrichtfest)
so schnell und glücklich vorwärts geführt haben.

Treffende Stellen aus Schillers „Glocke „ als Gleichnis für das Richtfest und für den Schulneubau allgemein anführend, bekannte er freudig, bei dem Neubau der „verantwortliche Glockengießer“ zu sein. Was ihm von den Mitarbeitern und Meistern vorgeführt  wurde und was er aus dem Munde des Altgesellen hörte, hat seine Hoffnung und Zuversicht bestärkt zu einem guten Gelingen und zu baldiger Vollendung des schönen  Werkes.

Dabei wurde die hohe Bedeutung hervorgehoben, wie der  stattliche Bau in Zukunft für die Jugend haben wird.

Mit Hochdruck betonte Herr Baurat Ritter den großen Wert  des freien Handwerkertums mit gesundem Zunftgeist und berufsfreudigen Meistern, Gesellen und Lehrlingen. Begleitet von den beiden Wünschen und Hoffnungen , ließ er seine vortrefflichen Ausführungen mit einem kräftigen Hoch auf den Handwerkerstand ausklingen.

Hauptlehrer Walter würdigte nochmals die großen Verdienste des  Herrn Gemeindevorstehers und führte dabei näher aus, welche Schwierigkeiten Herr Dr. Winters u überwinden hatte, um die Bewilligung der mittel und die Genehmigung des Baues für den Schulbau zu erreichen. Besonders dankbar begrüßte er namens der Lehrerschaft und dr Schüler die Schaffung des geräumigen Spielplatzes, wo die Jugend schon jetzt täglich mit Lust Spiel und Sport betreibt.

Als Ältester des Gemeinderats dankte Herr Strodthoff, Mansie, für die Einladung zum
Doppelrichtfest und sprach sich anerkennend und lobend über die vorzügliche Bewirtung aus. Frau Witwe Hobbie wurde für die vorzügliche Vorbereitung des Festessens mit einem Hoch geehrt. –

 Im übrigen  sorgte die Musikkapelle für angenehme Unterhaltung der Festteilnehmer und für einen würdigen Ausklang des bedeutsamen Ereignisses für Ocholt-Howiek.
Zur Freude aller Freunde des Waldes steht die neue Schule nicht im „ Börn „, aber mit einem Giebel winkt sie nun stolz über diesen Busch hinaus, als wolle sie im Namen der Ortsgemeinschaft Ocholt-Howiek den bisherigen Widersachern zurufen: „ Die neue Schule ist da, mir, mir gehört die Zukunft!“

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