Dienstag, 16. Juni 2015, 16:15 Uhr
Erinnerungen an früher

Neue Heimat Oldenburg - entbehrungsreiche Jahre -

1958
1
 

Zur Einführung habe ich aus einer Kindheitsgeschichte zitiert, die ein Oldenburger Junge damals stadtnah, an der Ofener Straße verbrachte. " Auch heute noch habe ich keinen der Plätze vergessen, die mir einmal wichtig waren, mir Heimat und Geborgenheit gaben und an denen ich mich damals auch wohl gefühlt habe."

Oldenburg / Oldenburg Land Ebenso wie in den Nachkriegsjahren hat die Stadt Oldenburg auch derzeit die Unterbringung und Integration von Flüchtlingen als ernstzunehmende Aufgabe auf ihrer Agenda.
Heute wird gemeinsam Wohnraum geschaffen und überlegt, inwieweit es Möglichkeiten zur Unterbringung gibt.
Das war früher, gleich nach Ende des Krieges , nicht möglich. Da waren über 40.000 Flüchtlinge von jetzt auf gleich unterzubringen.
Und weil es nicht anders gehandhabt werden konnte, wurde die Aufnahme angeordnet, jeder der Wohnraum erübrigen konnte, mußte Flüchtlinge beherbergen, die sogenannte Einquartierung, eine damals übliche Bezeichnung.
Das ging solange bis andere Möglichkeiten, andere Maßnahmen den Wohnsituationen wieder mehr Normalität geben konnten.
Die Kindheitsgeschichte meines Ehemannes war auch die der vielen Menschen, denen Oldenburg 1945 eine Bleibe anbot.
Er hat mir schon oft davon erzählt, ich habe ihm zugehört  und  hier einiges davon aufgeschrieben. Hier seine Erzählung:
"Wenn ich heute die Ofener Straße befahre, dann habe ich eine Menge Bilder in meinem Kopf, von früher, als ich kurz nach Ende des Krieges (Mai 1945) hier ankam, als 5-jähriger Knirps, der eine Menge Unsinn im Kopf hatte.
Auf der Ofener Straße wäre damals gefahrenlos ein Fußballspiel möglich gewesen, so wenig Autos fuhren zu der Zeit dort und die Haaren war ein Paradies zum "Schippern mit einem selbstgemachten Floß aus Benzinkanistern", was meistens nicht wirklich trocken endete.
Wir versteckten uns unter riesigen Blätterdächern an der Haarenböschung und zur Winterzeit schlug ich mir beim Schlittschuhlaufen auf dem Dobben einen Zahn raus.
Es war alles etwas anders, vor 70 Jahren, und es war für uns , die wir es nicht anders kannten, auch in Ordnung so. Lange Schlangen gab es vor einer Fleischerei, Ecke Auguststraße/Ofener Straße, so erinnere ich mich. Dort standen wir an, um an bestimmten Tagen die gute Fleischbrühe zu bekommen, wobei ich mich an die vielen Fettaugen auf der Brühe besonders gut erinnern kann. So manche Stunde mußten wir warten bis wir dran waren und wenn es gar zu lange dauerte, dann wurden auch schon mal die "Abholer" intern ausgewechselt.
Als meine Eltern später in die Hindenburg-Kaserne an der Cloppenburger Straße in Kreyenbrück umzogen, mußte ich natürlich mit, ob ich wollte oder nicht. Ich hatte hier meine Schule und meine Freunde,war richtig traurig über den Weggang. Aber meine Eltern mußten gezwungenermaßen auch ihre Möglickeiten auszunutzen und konnten nicht auf jeden Einzelnen der Familie Rücksicht nehmen.Sie errichteten ein paar Jahre später in Kreyenbrück auch ihr eigenes Wohnhaus.
Damals hatte ich mir schon vorgenommen, daß ich irgendwann einmal in diesen Teil Oldenburgs mit der Ofener Straße und der Haaren, zurückkehren würde.
Die Zeit in der Kaserne an der Cloppenburger Straße, die ausschließlich mit Flüchtlingen belegt war, hat mir soviel Besonderheiten mit auf den Weg gegeben, soviel Dinge, die man wissen oder auch nicht wissen muß und vor allem, sie hat mich gelehrt, daß man nur mit Disziplin und Respekt im Leben weiterkommt.
Ohne diese Eigenschaften wäre ein Leben dort gar nicht möglich gewesen. Ungefähr 30 Parteien lebten dort in jedem Block, die Häuser waren damals aufgeteilt und wurden als Blocks bezeichnet, ca. 12 - 14   gab es davon. Die inzwischen als Verwaltungs-Komplex bekannten Häuser sind heute neu renoviert und beherbergen die Büros größerer Konzerne.
Einige Blocks mußten im Zuge des Gefängnisneubaues(2001) abgerissen werden. In einem der Blocks in Richtung Stadtausgang war damals auch die einzigste Schule in Kreyenbrück untergebracht; ob auch sie zu den abgerissenen Gebäuden gehört, das kann ich nicht mehr so genau sagen.
Wir lebten in Block 8(?) und die Wohnmöglichkeiten waren schon sehr eingeschränkt. Es gab nur einen Bade-Raum, in dem ca.10 Wannen standen, durch Vorhänge abgetrennt. Jede, der hier lebenden Familien mußte sich schriftlich und gegen Bezahlung hier anmelden, um am Wochende eine Badegelegenheit zu bekommen.
Fließendes Wasser gab es auch nicht und auf den Fluren waren ein paar Toiletten für alle Familien zugänglich.
Überall roch es immer nach Essen, aber das ist eine der besseren Erinnerungen an diese Jahre.
Es haben dort soviel Familien ihre erste Bleibe nach dem Krieg gefunden, manche managten schon von hier aus ihre Zukunft mit Firmengründungen. Einige konnte man später unter bekannten Namen in Oldenburg wiederfinden, aber hier in der Hindenburg-Kaserne waren ihre Anfänge begründet.
Gegenüber dieser Kaserne lagen die Trümmer des Offizierskasinos, später Kinderkrankenhaus, aus den letzten Kriegstagen. Wir Kinder wurden angehalten, dieses Areal nicht zu betreten. Ob wir uns daran hielten? Ich glaube nicht, denn alles zu erkunden war für uns richtig spannend.
Wir spielten gemeinsam, unter freiem Himmel und meistens auch unbeaufsichtigt, denn die Eltern mußten in erster Linie für den Lebensunterhalt der Familie arbeiten und hatten wenig Zeit. Wir kamen Abends bei einbrechender Dunkelheit wieder nach Hause. Alle Kinder, die hier damals groß wurden, haben aus der Gemeinschaft in den Wohneinheiten negative sowie positive Erfahrungen mit auf den Weg ins Erwachsenwerden mitgenommen.
Wenn man sich später mal zufällig über den Weg lief, dann war die vertraute gemeinsame Kindheit und die Erinnerungen daran ein nicht enden wollendes Thema.
Wie ich heute weiß, hat die entbehrungsreiche Zeit keinem von uns Kindern geschadet, im Gegenteil, die Zeit hat uns stark und widerstandsfähig gemacht, Verständnis und Rücksicht haben uns die negativen Dinge vergessen lassen und die positiven hervorgehoben.
Meine Prophezeiung, wieder an die Ofener Straße zurückzukehren, habe ich vor ungefähr 12 Jahren fast hinbekommen, denn wir bezogen eine Wohnung am Haarenufer, mit Blick auf die Ofener Straße.
Und wenn ich heute die Jahre Revue passieren lasse, dann kann ich persönlich -auch ohne Besitztümer wie Computerspiele und Smartphones- von einer glücklichen Kindheit berichten."





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