Sonntag, 25. November 2018, 00:06 Uhr
DEUTSCHSPRACHIGE LITERATUR

Lion Feuchtwanger: Erfolg (1930)

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Leseempfehlung

Varel / Rastede / Oldenburg Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz ist ein Roman von Lion Feuchtwanger (1884 - 1958) und erschien 1930. Er ist der erste Band seiner "Wartesaal-Trilogie", in der sich der Autor mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzte. Der Roman ist eine mächtige Erzählung über die Geschichte Bayerns zwischen 1921 und 1924.

Dr. Martin Krüger gehört zu den führenden Kunsthistorikern Deutschlands; er ist international anerkannt. Als Direktor der staatlichen Gemäldesammlungen gerät dieser mit der Politik in Konflikt, da von ihm moderne und umstrittene Kunstwerke angeschafft und ausgestellt werden. Solche Kunstwerke stören angeblich das "gesunde Volksempfinden". Schließlich wird gegen Dr. Martin Krüger ein Sittlichkeitsverfahren eingeleitet. Vor Gericht bezichtigen ihn gekaufte Zeugen des Meineids. So verurteilt das Gericht Dr. Martin Krüger zu drei Jahren Zuchthaus. Dabei ist allen Beteiligten klar, dass es sich um einen Vorwand der konservativen bayerischen Staatsregierung handelt, um den politisch der Linken zuzurechnenden Dr. Martin Krüger seines Amtes zu entheben.

In den folgenden Jahren versucht Johanna Krain, die Freundin Dr. Martin Krügers, seine Begnadigung zu erwirken. Zu diesem Zweck sucht sie den Kontakt zu hochgestellten Persönlichkeiten, zu Politikern, zu den Oberen in Wirtschaft und Kirche und zu der abgedankten Monarchenfamilie.

So entsteht nach und nach ein kritisches Münchner Gesellschaftspanorama der frühen 20er Jahre des 20. Jahrhunderts. Erfolg zählt zu den ersten Romanen, die den Charakter der Nazipartei in ihrem Anfangsstadium darstellen. Mit besonderer Schärfe vermittelt Feuchtwanger die kleinbürgerlichen Verhältnisse im nachrevolutionären Bayern. In seinem präzisen Psychogramm der nationalsozialistischen Bewegung und ihres historisch-politischen Umfeldes führt Feuchtwanger den persönlichen Erfolg als Motor des Handelns der Figuren vor.

Der Hitler-Ludendorff-Putsch von 1923 wird satirisch abgehandelt. Feuchtwanger betont besonders, wie die breite Bevölkerung die Nazis unterstützt. Er stellt aber auch dar, wie die konservativen Kräfte in Bayern die nationalsozialistische Bewegung benutzen, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Dies nützt nur den Nazis.

Am Ende des Romans stirbt Dr. Martin Krüger in der Haft. Johanna Krain und ihr Freund Jacques Tüverlin bemühen sich, den Skandal bekannt zu machen. Johanna dreht einen Film; Tüverlin schreibt ein Buch. Da Tüverlin Züge Lion Feuchtwangers trägt, kann der Leser vermuten, es handle sich dabei um Erfolg.

Erfolg zeichnet eindringlich nach, wie Aufstieg und Barbarei der Nazis die Zivilgesellschaft konsequent verdrängt. Der Roman bietet eine spannende Geschichtsstunde zu Zeiten der Weimarer Republik mit viel bitterem Sarkasmus. Themen wie Zivilcourage, Freiheit des Individuums und braune Hetze sind nach wie vor aktuell.

Dem Roman "Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz" sind folglich viele Leser zu wünschen.


Feuchtwanger, Lion, Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz. Roman (Wartesaal-Trilogie, Band 1), 878 Seiten, 11. Auflage, Berlin 2008 (Aufbau Verlag, ISBN 978-3-7466-5629-8, Preis: 16,00 EURO).
Die Abbildungen zeigen mein Privatexemplar; diese zeigen folglich nicht die aktuelle Auflage des Aufbau Verlags.

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