Sonntag, 06. Januar 2019, 22:29 Uhr
Franz Radziwill / Radziwill und die Gegenwart / Ausstellung Kunsthalle Emden

Franz Radziwill und die Gegenwart

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Friesland / Emden / Varel Varel/Emden 05.01.2019. Der Einladung aller Ratsmitglieder des Stadtrates von Varel von Konstanze Radziwill zu einer besonderen Ausstellung in der Kunsthalle Emde bin ich gerne gefolgt. Franz Radziwill, ein Vareler Maler – im Zusammenspiel mit verschiedenen zeitgenössischen Künstlern.

Inhaltlich beschäftigt sich die Ausstellung mit brandaktuellen Themen. Sie gibt uns nicht nur einen Einblick, wie Künstler die wichtigen Fragen unserer Zeit sehen, sondern sie zwingt uns auch über unser alltägliches Handel nachzudenken. Manche finden auch Antworten. Die Ausstellung ein unbedingtes MUSS für alle, die sich kritisch mit unserer Lebensweise auseinandersetzen. Sie ist noch bis zum 13.01.2019 in Emden zu sehen.
 

Meine persönlichen Highlights dieser Ausstellung

Technik und Veränderung der Landschaft
Technik verändert unsere Landschaft. Eine neue Erkenntnis – nein. Bereits über Jahrhunderte wird unsere Landschaft geprägt und verändert durch Technik. Wie in welcher Epoche dieser Wandel empfunden wird, können wir anhand vieler Kunstwerke nachzeichnen. Die aktuelle Ausstellung in Emden zeigt uns insbesondere die neuesten Veränderungen im ländlichen und städtischen Lebensräumen.

Inspiriert von Radziwills Bildern ist auch der Künstler Maik Wolf. Die Bezüge sind ganz deutlich sichtbar im Werk „Ioschlot Prognostikon 3“. Für das malerische Nachdenken über nachhaltige zerstörerische Veränderungen in unserer Landschaft durch die Technik steht für mich das Bild „Öl 12“ aus dem Öl-Zyklus von Robert Schneider.

Besonders berührt hat mich aber die Zusammenstellung der Werke von Radziwill mit HA Schult (Crash) und Wolfgang Stähle (Untitled). Insbesondere die Entstehung des letzgenannten Werkes. Dessen Gegenstand ist Nine-Eleven – ein Ereignis, welches in unserem kollektiven Gedächtnis sicherlich tief verankert ist. 
 

Kommunikation und Medien
Die Arbeiten von Radziwill, Ann-Sofi Sidén, Angelika Böck, Nam June Paik oder Wolf Vosteil beschäftigen sich mit unserer Identität in Zeiten des Konsums sowie auch mit unserer Privatsphäre in Zeiten der Überwachung und Kontrolle. Hier zeigt insbesondere das Bild „Zeitungsleser sieht die Welt nicht mehr“ (Radziwill 1950), wie aktuell dieses Thema gestern war, heute ist und morgen sicher sein wird.

Bezeichnend in Radziwills Bild: Der Mann liest in der Zeitung, vielleicht über die Welt. Die Frau betrachtet die Welt um sich herum. Wahrnehmung und Darstellung von  Lebenswirlichkeit – aber welche Ralität ist real? Die Suche nach Antworten beginnt.
 

Genetik und Robotik
Ein weiteres Highlight. Unter der Überschrift „Genetik und Robotik“ hinterfragen KünstlerInnen die neuen technologischen Werkzeuge ihrer Zeit. Radziwill ebenso wie Lynn Hershman Leeson, Stelarc oder Eduardo Karc. Sogar die Simpsons (US-amerikanische Zeichentrickserie) begegnen uns in diesem Teil der vielschichichtigen Ausstellung.

Besonders angesprochen haben mich die ausgestellten Werke von Lynn Hershman Leeson, die sich den neuen biotechnologischen Entwicklungen widmen. Leeson setzt sich intensiv mit der künstlerischen Aufarbeitung der Aspekte des biologischen Fortschritts, der regenerativen Medizin, der Genforschung und der Antikörperforschung auseinander. Das Kunstwerk Wallpaper zeigt überdeutlich, dass wir uns mit der Gentechnik „eingerichtet“ haben. Eine Wandtapete mit vielschichtigen Beispielen des unbemerkten Gentechnikeinsatzes in unserem Leben.

Auch in Ihrem Foto  „Double Hands“ visualisiert sie uns die Konstruierbarkeit von Leben. Dieses Foto bezieht sich auf das berühmte Fresco der Schöpfung von Michelangelo. In ihrer Vision wird der Finger Gottes jedoch durch eine Injektionsnadeln ersetzt. Sie hat die aktuellen Diskussion damit präzise auf den zentralen Punkt gebracht.

 

Kleiner Exkurs
Wie aktuell diese Thematik Gentechnik für unsere Gesellschaft ist zeigt der Fall CRISPR/Cas. Während Gentechnik in der Medizin Alltag ist, beherrscht ein Glaubenskrieg in der Landwirtschaft das große Ganze und ein Gericht musste entscheiden.

Die CRISPR-Methode eröffnet Pflanzenzüchtern die Möglichkeit, Sorten von Nutzpflanzen auf eine leichtere, effizientere und flexiblere Art zu verändern. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat im Juli 2018 entschieden, dass grundsätzlich mit der CRISPR/Cas-Methode (Mutagenese) bearbeitete Pflanzen ohne Fremd-DNA als gentechnisch veränderte Organismen (GVO) anzusehen sind. Ein ambivalentes Urteil: Von uns Umweltschützern gelobt, aber von Naturwissenschaftler unter uns, mit großer Skepzis begleitet.

 
Rundum eine gelungene und inspirierende Ausstellung. Wir sollten uns immer wieder bewusst machen, dass wir Künstler und ihre Wirkung nicht nur im Kontext ihrer Zeit betrachten. Ihre Wirkung im bildungspolitischen Kontext unserer Zeit empfinde ich als hochgradig spannend und anregend.

Sigrid Busch

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