Montag, 04. Januar 2021, 20:38 Uhr
Freikirchen / Corona / Baptisten

Die ungezogenen Kinder der Reformation. Freikirchen und Corona

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In Varel wurde Johann Gerhard Oncken geboren. 1834 gründete er die erste deutsche Baptistengemeinde. Ob er sich wohl im Grabe umdrehen würde, wenn er sehen könnte, wie freikirchliche Gemeinden durch die Missachtung aller Corona-Regelungen eine einst angesehene Konfession in Misskredit bringen?

Varel / Jaderberg / Zetel Schütteln könnte ich sie, die Brüder. Zornig bin ich. Freikirchen haben ohnehin ein Akzeptanzproblem in dieser Gesellschaft. Und da haben diese Leute nichts Besseres zu tun, als unter Missachtung aller Regeln mit Präsenzgottesdiensten der provokanten Art aufzufallen.

Im Dezember löste die Polizei in Herford den Gottesdienst einer freikirchlichen Gemeinde auf. Kurz vor Weihnachten fiel eine freikirchliche Gemeinde in Essen mit einem Superspreader-Event auf. Frankfurt, Lahr. Die Liste der Orte, an denen freikirchliche Gemeinden sich Freiheiten nahmen, die ihnen nicht zustehen, ist beträchtlich.

 Ich bin Freikirchler aus Überzeugung. Nach dem Theologiestudium in Hamburg war ich Pastor von Baptistengemeinden im Rheinland, in Köln und Hamburg. Als ich mein Theologiestudium begann, war der Begriff „Freikirche“ noch ein Gütesiegel. Klein, aber fein. Theologisch versiert. Im Diskurs mit den evangelischen Landeskirchen und den Gemeinden der Erzbistümer ein akzeptierter Gesprächspartner. In der Ökumene ein anerkannter Partner. Man focht die theologischen Differenzen aus, und hatte sich trotzdem lieb. Um es mal im kirchlichen Duktus zu sagen.
Die freikirchliche Szenerie war übersichtlich: Die Baptistengemeinden in Deutschland waren die größte Freikirche. Dann kamen die Methodisten. Und die dritte klassische Freikirche waren die Freien Evangelischen Gemeinden.
Dass es noch viele andere Gemeinden, Kirchlein und Grüppchen gab, fiel statistisch nicht sonderlich auf.

Heute schleppe ich das Prädikat „freikirchlich“ wie eine Hypothek mit mir herum. In den vergangenen zwanzig Jahren sind so viele neue Konfessionen entstanden, dass dem weniger geneigten Beobachter der Kopf schwirrt. Und ob es dem Allerhöchsten gefällt, dass überall da, wo sich Sonderlehren Gehör verschafft haben, eine neue Kirche entsteht, bezweifele ich ernsthaft.

Da gibt es Gemeinden, die eine enthusiastische Frömmigkeit pflegen und Gottesdienste mit hohem Unterhaltungswert feiern.

Da gibt es knochenkonservative Fundamentalisten, deren Leiter sich – was die Persönlichkeitsstruktur angeht – von Taliban kaum unterscheiden.

Da gibt es aufrechte Christenmenschen, die den Glauben an Jesus Christus ernst nehmen möchten und ernsthaft um ihren Weg ringen.

Freikirchen, wohin das Auge schaut! Hervorgegangen aus der Reformation. Und sie bieten ein Bild der Zersplitterung. Theologisch sowieso, aber auch, was den Umgang mit der Pandemie angeht:
Sie torpedieren den kirchlichen Auftrag, in dieser geplagten Welt eine Botschaft der Hoffnung auszurichten. Sie ziehen die Verachtung derer auf sich, die eigentlich mit der Nachricht von Jesus Christus erreicht werden sollen. Und sie zerstören das Ansehen, um das Kirche aller Konfessionen sich in einer säkularen Gesellschaft durchaus bemühen darf.

In Varel wurde im Jahre 1800 Johann Gerhard Oncken geboren. 1834 gründete er in Hamburg die erste deutsche Baptistengemeinde. Das macht unsere Freikirche aus:

1. Baptisten traten von Anfang an für Glaubens- und Gewissensfreiheit ein.
Der Baptistenpastor Julius Köbner formulierte in einer Streitschrift aus dem Jahr 1834 so:
„Wir behaupten nicht nur unsere religiöse Freiheit, sondern wir fordern sie für jeden Menschen, der den Boden des Vaterlandes bewohnt. Wir fordern sie in völlig gleichem Maße für alle, seien sie Christen, Juden, Mohammedaner oder was sonst.“
Man beachte bei der Wortwahl das Abfassungsjahr. Heute hätte Köbner von "Muslimen" geschrieben.

2. Trennung von Kirche und Staat.
Baptisten lassen die Gelder für ihren Haushalt nicht vom Staat als Kirchensteuer einziehen und lehnen staatliche Einflussnahme auf kirchliche Angelegenheiten ab.

3. Die Bibel als Richtschnur für Leben und Lehre.
Das bedeutet keineswegs eine Festlegung auf ein bestimmtes Schriftverständnis. Zum Beispiel auf den Versuch, die Bibel wortwörtlich und eins zu eins in unsere Zeit zu übertragen. Es bedeutet vor allem: Baptisten kennen keine Bekenntnisschriften, die neben der Bibel normativen Charakter hätten.

 4. Die Taufe von Gläubigen
Baptisten taufen keine Säuglinge, sondern nur Menschen, die sich freiwillig dazu entschlossen haben.

 5. Die Eigenständigkeit der Ortsgemeinde
Jede Gemeinde regelt ihre Angelegenheiten selbständig. Sie ist keinem bischöflichen Wort unterworfen. Die Gemeindeversammlung ist das oberste beschlussfassende Gremium. Damit gehören Baptisten zu den so genannten „kongregationalistischen“ Kirchen, also zu den Kirchen, in denen die „Congregation“, die Versammlung, das entscheidende Wort hat.

 Als Baptistenpastor schäme ich mich für manche Verwirrung im freikirchlichen Bereich. Ich bin kein Evangelikaler. Fundamentalisten sind mir ein Graus.

Ich will auch nichts zu tun haben mit Hardcore-Baptisten aus den Vereinigten Staaten, die in den vergangenen Jahren zu den treuesten Unterstützern eines unsäglichen Präsidenten gehörten und auch in Deutschland das Baptistenbild prägten.

Ich will wieder stolz darauf sein können, Freikirchler zu sein.
Martin Luther King ist einer von uns. Baptist. Bürgerrechtler. Vertreter eines sozialen Evangeliums.

Ich weise darauf hin, dass die Vareler Baptisten im vergangenen Jahr ein rigoroses Hygienekonzept durchgezogen haben, seit Anfang dieses Jahres auf Präsenzgottesdienste verzichten und bis zum Ende des Lockdowns ihre Sonntagsgottesdienste streamen.

Und nein! Kein Pardon für Kirchengemeinden, die meinen, die Corona-Regeln gälten nicht für sie.

Uwe Cassens

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