Samstag, 17. März 2018, 23:39 Uhr
Politik und Geschichte

Karola Fings: Sinti und Roma. Geschichte einer Minderheit

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Varel / Rastede / Oldenburg Sinti und Roma sind die größte Minderheit in Europa. Sie leben hier seit 600 Jahren. Karola Fings, stellvertretende Direktorin des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, erzählt in ihrem Buch "Sinti und Roma. Geschichte einer Minderheit" deren Geschichte.

Im ersten Kapitel "Mehrheit und Minderheit" stellt die Autorin dar, wie Sinti und Roma sich selber sehen und wie diese von außen betrachtet werden. Die fundamentale Bedeutung der Sprache Romanes wird erläutert. Karola Fings macht klar, dass negative wie positive Zuschreibungen über Sinti und Roma sich verselbständigt haben und unreflektiert von Generation zu Generation weitergetragen werden.

Im zweiten Kapitel "Geschichte" berichtet die Autorin über das Leben von Sinti und Roma in Europa bis zum Beginn der nationalsozialistischen Diktatur im Jahre 1933. Sie erinnert an die Einwanderung nach und Ansiedlung in Europa, das Verhältnis zu den Schutzmächten, die Leibeigenschaft, die "Vogelfreiheit", Aufenthaltsverbote, Ausweisungsdekrete, Zwangsassimilation sowie die Entstehung des rassistischen Blicks auf Sinti und Roma in Staaten und deren Verwaltungen (auch in Deutschland). Karola Fings thematisiert aber auch den Willen zur Selbstbehauptung dieser Minderheit. - Ergänzend möchte ich darauf hinweisen, dass Sinti und Roma im Ersten Weltkrieg (1914 - 1918) oft für das Deutsche Kaiserreich (1871 - 1918) ihren Militärdienst verrichteten. Gleichwohl gehörten sie zu den gesellschaftspolitischen Verlierern der Weimarer Republik (1918 - 1933).

Das dritte Kapitel "Völkermord" erinnert an das Schicksal der Sinti und Roma in der nationalsozialistischen Diktatur (1933 - 1945) und in den von dieser besetzten Gebieten. Die Minderheit wurde schrittweise entrechtet, ihrer Lebensgrundlagen beraubt und letztendlich in die Vernichtungslager deportiert. Das Ziel des NS-Staates war die vollständige Vernichtung der Minderheit der Sinti und Roma. Ungefähr 500000 europäischer Sinti und Roma wurden Opfer des nationalsozialistischen Mordprogramms.

Das vierte Kapitel "Europäische Perspektiven" widmet sich der Geschichte der Sinti und Roma seit 1945.
Auf der einen Seite zeigt Karola Fings, wie die Mehrheitsgesellschaften in Europa nahtlos an deren Ausgrenzungs- und Diskriminierungspolitik vor 1933 anknüpften. Auch verweigerten die Mehrheitsgesellschaften weitestgehend die Anerkennung der Sinti und Roma als Opfer der nationalsozialistischen Diktatur sowie die geschichtspolitische Erinnerungsarbeit. Es fehlt in weiten Teilen noch immer das Bewußtsein dafür, dass Sinti und Roma einem Völkermord zum Opfer gefallen sind.
Auf der anderen Seite legt Karola Fings dar, wie sich nach 1945 langsam und stetig auf internationaler und deutscher Ebene eine Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma entwickelte. Diese gewann zwischen 1971 und 1980 an Schwung. Als Erfolge dieser Bewegung lassen sich die Anerkennung des Genozids sowie eine sich daraus entwickelnde lebendige Gedenkkultur verbuchen.
In Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa allerdings gehören Sinti und Roma zu den großen Verlierern der Umbrüche um 1990. Zwar müht sich die Europäische Union die Situation mit Hilfsprogrammen und Maßnahmen des Minderheitenschutzes zu verbessern; die Resultate sind aber eher bescheiden. Hier gilt es noch viel Menschenrechtsarbeit zu leisten.

Mit ihrem Buch begegnet Karola Fings der mangelnden Kenntnis über die Geschichte der Sinti und Roma mit einer knappen, inhaltsreichen wie wissenschaftlich fundierten Darstellung. Diese ist gut lesbar. 
Allen Bürgerinnen und Bürgern sowie allen Politikerinnen und Politikern in Bund, Ländern und Kommunen kann ich die Lektüre dieses Buches nur empfehlen.


Fings, Karola, Sinti und Roma. Geschichte einer Minderheit (REIHE C. H. BECK WISSEN), 128 Seiten, München 2016 (Verlag C. H. Beck, ISBN 978-3-406-69848-4, Preis: 8,95).

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